Die Religion der Oromos
Es gibt drei Hauptreligionen in der heutigen Region Oromiya in Äthiopien. Diese sind: das Christentum, der Islam und die traditionelle Naturreligion Waaqeffannaa. Da davon auszugehen ist, dass Waaqeffannaa dem Großteil unserer Leser unbekannt sein wird, werden wir diese Religion im Folgenden näher erläutern:

Waaqeffannaa – die traditionelle Religion der Oromos
Bevor das Christentums und der Islam in Äthiopien eingeführt wurden, hatten die Oromos einheitlich einen eigenen Glauben, den Waaqeffannaa. Es handelt sich dabei um einen monotheistischer Glauben. Die Oromos glauben folglich an einen einzigen Gott, dem Waaqa, welcher alle lebendigen und nicht lebendigen Dinge erschuf. Der Waaqa lebt ihm Jenseits und sendet seinen göttlichen Segen an alle Kreaturen, die auf der Erde leben. Der schwarze Himmel wird als Gottes Leib symbolisiert.  Daher nennt man Waaqa im Volksmund zuweilen auch den “Gott mit dem schwarzen Bauch“. Konzeptionell versinnbildlicht die schwarze Farbe die Unmöglichkeit des menschlichen Verstandes Gott als Wesen zu erfassen.

Das Gottesverständnis der Oromos von Waaqa ähnelt dem aller monotheistischen Weltreligionen. Ihr Gott wird in zahlreichen Sprichwörtern, Liedern, Mythen, Geschichten und religiösen Zeremonien gehuldigt. Wenngleich die Oromos stets von ein und demselben Gott sprechen, haben sie diverse koexistierende Bezeichnungen, die denotativ synonym verwendet werden. So existieren für Waaqa beispielsweise auch die Begriffe Waaqayyo und Uuma; was übersetzt der Schöpfer bedeutet. Darüber hinaus wird Waaqa teilweise auch Ulfin genannt. Diese Bezeichnung sekuriert seine bedeutende Größe. Ebenso wie im Christentum, im Islam oder im Judentum, ist Waaqa für die Oromos ein Heiliger. Um dessen Heiligenstatus sprachlich zu untermauern nannte man ihn früher auch Ulfin im Sinne von “der Ehrenhafte“. Er wird aber auch einfach nur Aabba, der Vater, genannt.

Gemäß dem Waaqeffannaa existieren neben Gott auch heilige Helfer, namens Ayyanas. Diese fungieren als Gottes Diener und als seine Boten, denen unterschiedliche Aufgaben zu Teil kommen. Beispielsweise gibt es einen Helfer namens Atete, welcher die Aufgabe hat den Frauen bei Empfängnis und Geburt zu verhelfen. Er ist als eine Art von Fruchtbarkeitsgott zu verstehen. Ferner gibt es auch Helfer, die für die Ordnung der Erde verantwortlich sind.  Haadha lafa (die Mutter Erde) ist. z.B. einer Helferin, deren Pflicht es ist für das Wohl der gesamten Erde zu sorgen.  Abdari wiederum ist ein Helfer, der sich um häusliche Angelegenheiten einer Großfamilie bzw. Lebensgemeinschaft kümmert. Außerdem gibt es auch Helfer, deren Aufgabe es ist die Seelen der Menschen vor dem Bösen zu behüten.  Ayyana Abbaa, der Geist der Vorfahren, beschützt sie vor den bösen Geistern. Es gibt aber auch einen Helfer, der die wilden Tiere vor den Menschen, also den Jägern beschützt. Er wird Catto oder auch Balas genannt. Es gibt aber nicht nur gute heilige Geister im Waaqeffannaa. Um ein natürliches Gleichgewicht zu schaffen, existieren neben den guten auch die bösen Ayaaans, die für Katastrophen und Tod verantwortlich sind.

Im Waaqeffannaa wird auch an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Es heißt, dass der Mensch nach dem Tode als Ekera (Geist) weiterlebt und sich in seinem familiären Umfeld aufhält. Die Oromos halten regelmäßige Gebete, in den Morgen- und Abendstunden, um ihren Gott zu bitten Vieh und Ernte sowie die Familie zu beschützen. Es ist die zeremonielle Aufgabe der älteren Familienmitgliedern und Senioren bei Eheschließungen, familiären Zusammenkünften und feierlichen Anlässen wie der Namensverkündung eines Säuglings Segenwünsche zu formulieren. Das Gotteshaus der Oromos wird  Galma, eine Art Synagoge, genannt. Die Gläubigen versammeln sich dort jeden Donnerstag- und Samstagabend, um gemeinsam zu tanzen, Trommel zu spielen, zu singen und natürlich um gemeinsam zu beten. Darüber hinaus gibt es auch Gottesdienste, die außerhalb des Galma in der freien Natur, d.h. unter  großen Bäumen, am Ufer eines größeren Gewässers oder im Schutze eines Bergschattens abgehalten werden.

Obwohl die große Mehrheit der Oromos infolge der abessinischen Kolonialisierung zum Christentum oder zum Islam konvertierte, sind die religiösen Zeremonien des Waaqeffannaa bis heute erhalten und auf die neu angenommenen Religionen übertragen worden. Die Oromos versuchen bis heute an den Traditionen und Wertevorstellungen des Waaqeffannaa festzuhalten und diese mit ihrem neu erworbenen Glauben zu vereinbaren.