Die Kultur der Oromos
Kultur“ ist ein Weitgespanntes Konzept, welches diverse Facetten des sozialen Lebens umfasst. Alle superstrukturellen Aspekte gesellschaftlichen Lebens wie Moralvorstellungen, Kunst, Religion, sozioökonomische Bedingungen oder auch Politik fallen per definitionem in den kulturellen Bereich.

Da wir in diesem begrenzten Umfang einer kurzen Einführung nicht alle kulturellen Bereiche in gleichem Maße abdecken können, werden wir uns darum bemühen Ihnen einen konzisen Einblick in unsere variationsreche Kultur zu gewähren. In der folgenden Ausführung wird daher lediglich auf das Gadaa-System, unseren traditionellen Kalender sowie Eheschließungsverfahren eingegangen.

Das Gadaa-System
Wenn  man von der Kultur der Oromos spricht, gilt der erste Gedanke unmittelbar dem Gadaa-System, welches als Träger und Pfeiler unserer Lebensart und Mentalität betrachtet wird. „Gadaa“ wird als ein soziales System charakterisiert. Es impliziert die ineinander greifenden Verantwortungsbereiche diverser staatlicher, also militärischer, religiöser und politischer, Institutionen. Da das Gadaa-System die wesentlichen Grundsätze und Richtlinien sozialen Zusammenwirkens konstituiert, verkörpert es unwillkürlich die Gesamtheit der unterschiedlichen sozio-politischen Einrichtungen.

Das entscheidende Merkmal des Gadaa-Systems ist, dass es grundsätzlich und strukturell demokratisch ausgerichtet ist. Es postuliert Voluntarismus und Konsens als unabdingbare Basis jeder sozio-politischen Kooperation. Das souveräne Volk gilt somit als Träger des politischen Willens und genießt das Recht auf politische Partizipation. Durch die Wahlen, welche in einem Zyklus von acht Jahren stattfinden, wählt und bevollmächtigt das Volk seine legitimierten Repräsentanten. Darüber hinaus gilt das Rechtsystem auch als ultimative Quelle politischer Macht und Legitimation. Aus politischer Perspektive betrachtet verhält sich das Gadaa-System kongenial zur Staatsform einer klassischen demokratischen Republik, insbesondere bezüglich der Gewichtung und Fokussierung auf patriotische sowie partizipatorische Idealvorstellungen des Bürgerrechts und der politischen Haltung. Es hat folglich in der Tat viele Parallelen zur griechischen Polis im ursprünglichen Sinne.

Das Gadaa-System untergliederte die Gesellschaft in Altersgruppen; es gab zwischen 7 und 11 Altersgruppen, die Zahlen sind regionsabhängig, die alle acht Jahre unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen zugeteilt wurden. Wenngleich die Aufgabenbereiche regional differierten, folgt nun eine Kategorisierung der jeweiligen Altersgruppen:
Dabballe  (0-8 Jahre), Follee oder auch  Gamme Titiqaa  (8-16 Jahre),  Oondaala oder auch Gamme Gurgudda  (16-24), Kuusa (24-32 Jahre), Raaba Doorii (32-40 Jahre), Gadaa (40-48 Jahre)  Yuba I (48-56 Jahre), Yuba II (56 bis 64 Jahre),  Yuba III (64-72 Jahre), Gadamojjii (72 bis 80 Jahre) und Jaarsa (80 bis offen Jahre).

Jede dieser Altersgruppen hat eigene soziale, militärische oder auch politische Pflichten. Beispielsweise sind die jungen Männer aus der Gruppe der Oondaala dazu verpflichtet längere Strecken zu gehen, um zu jagen oder auch körperlich schwere Arbeiten zu verrichten. Drei Jahre vor dem Ende der Oondaala-Stufe versammeln sich die Mitglieder, um die zukünftigen Entscheidungsträger bzw. Gruppenführer (hayyu Gremium)zu wählen, welche anschließend ihr Präsidium gestalten, d.h. die exekutiven, Judikativen und rituellen Autoritäten bestimmen. In der Altersgruppe der Kuusa werden die vorhergehenden Gruppenvorsteher formell einer Behörde zugeteilt, obgleich sie de facto nur binnen ihrer eigenen Altersgruppe volle Autorität und Handlungsspielraum genießen. Ab der Altersgruppe der Raaba Doorii (32 bis 40 Jährige) darf offiziell geheiratet werden. Nach Beendigung dieser Stufe wird die prestigeträchtige Klasse der Yuba oder Gadaa erreicht.

Sowohl die Gadaa- als auch die Yuba-Klasse wird im Gadaa-System als bedeutendste Altersgruppe betrachtet. Dort angekommen erreichen die Mitglieder erstmals einen vollwertigen und renommierten Status, welcher sie letztlich zur politischen Elite des Gadaa-Systems etabliert. Die regierenden Gadaas bestehen aus neun Hauptämtern. Diese sind:  Abbaa Bokku  (der Präsident sowie zwei Vize-Prädsidenten ), Abbaa Chaffe  (der Vorsitzende der Versammlung), Abbaa Dubbi  (der Präsident des Oberhauses und der Versammlung), Abbaa Seera  (der Verantwortliche in Rechtsfragen der Versammlung), Abbaa Alanga  (der Justizminister), Abbaa Duula  (der Verteidigungsminister), Abbaa Sa’a  (Wirtschafts und Finanzminister).

Das Gadaa-System wurde im Zuge der abessinischen Kolonialisierung zunächst durch die progressive Christianisierung und Islamisierung unterminiert; zu letzt sogar vernichtet und verboten. Sowohl das Christentum als auch der Islam erwiesen sich als inkompatibel mit den Wertevorstellungen und Denkmustern des Gadaa-Systems; insbesondere bezüglich ihrer religiösen Haltung des absoluten alleinigen Wahrheitsanspruches.  
Allerdings hatten auch die Oromos einen monotheistischen Glauben. Dieser nennt sich Waaqeffannaa und ist eine traditionelle Naturreligion.